Zum klinischen Bereich der psychosomatischen Medizin zählen:
- körperliche Erkrankungen mit ihren biopsychosozialen
Aspekten (z. B. Krebskrankheiten und ihre Bewältigung; siehe
auch Psychoonkologie)
- physiologisch-funktionelle Störungen als
Begleiterscheinungen von Emotionen und Konflikten sowie als
direkte oder indirekte Reaktion auf psychische oder
physische Traumata; siehe auch Posttraumatische
Belastungsstörung.
- Konversionsstörungen: körperliche Symptome, die auf
unbewusste Konflikte zurückgehen
- Hypochondrie: Die Überzeugung, an einer Krankheit zu
leiden und krankhaftes Interesse an Gesundheit und
Beschwerden
- gestörtes Gesundheitsverhalten und dessen Folgen (z. B.
Rauchen)
- seelische Störungen, die mit körperlichen
Missempfindungen einhergehen: neurotische Störungen,
Abhängigkeitserkrankungen (Sucht), Persönlichkeitsstörungen,
reaktive Störungen.
Als Sonderform psychosomatischen Geschehens beschäftigt sich
die psychosomatische Medizin mit somatoformen Störungen, bei
denen kein organischer Befund nachweisbar ist und psychische
Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome
eine bedeutsame Rolle spielen.
Häufig vorkommende Beschwerden, die dieser Gruppe zuzuordnen
sind, sind u. a. Schmerzen und funktionelle Beschwerden des
Herz-Kreislauf Systems, Magen-Darm-Bereiches und des Skelett-
und Muskelsystems.
Ein Beispiel für einen psychophysiologischen Zusammenhang:
Angst führt dazu, dass im Körper Adrenalin ausgestoßen wird, was
u. a. die Magen-Darm-Peristaltik hemmt und bei längerem Bestehen
zu Verdauungsstörungen führen kann. In vielen Redewendungen des
Alltags ist dieser Zusammenhang impliziert: Etwas liegt einem
„schwer im Magen“, eine Sache geht einem „an die Nieren“, der
Schreck „fährt einem in die Glieder“, jemandem ist eine „Laus
über die Leber gelaufen“. Zudem leitet sich das Wort Hypochonder
vom Hypochondrium, der beidseits der Magengrube gelegenen
Bauchregion unterhalb der Rippenbögen ab.
Einige theoretische Konzepte
Die Ursprünge der Psychosomatik lassen sich bis an die
Anfänge der Medizin zurückverfolgen (vgl. Medizingeschichte). In
der Philosophiegeschichte gilt die Auseinandersetzung um das
Leib-Seele-Problem seit der Antike als eine zentrale Frage. Auch
schon im Buch der Sprüche Salomos im Alten Testament wird die
Psychosomatik kurz erwähnt: „Ein fröhliches Herz bringt gute
Besserung, aber ein zerschlagener Geist vertrocknet das Gebein.“
(Spr. 17,22; Elberfelder Bibel 1871).
Der Begriff Psychosomatik wurde vermutlich erstmals
1818 von Johann Christian August Heinroth (1773–1843) benutzt.
Heinroth versuchte als „Psychiker“, jedes Krankheitsgeschehen in
seinen psychischen wie somatischen und lebensgeschichtlichen
Gesamtzusammenhängen zu verstehen. Dabei lag er mit seiner
moralistischen Deutung von Krankheit (jede „Seelenstörung“
beschrieb er als Abfall von Gott und der „heiligen Vernunft“,
als das Böse und Teuflische schlechthin) allerdings nahe an
mittelalterlichen religiös geprägten Krankheitskonzepten.
Missionarisch ähnlich eifrig, aber mit völlig entgegengesetzter
Tendenz, war ein Jahrhundert später Georg Groddeck. In einem von
ihm in Baden-Baden gegründeten Sanatorium ergänzte er die
Massagen des Körpers durch „Lockerungen von
Seelenverkrampfungen“ mit Hilfe der Psychoanalyse. In seinem
populärsten Werk, dem 1923 erschienenen „Buch vom Es“ verstand
er die physischen Symptome von Krankheiten als Symbole, mit
denen sich die von der öffentlichen Moral verdrängte und
unterdrückte Macht des Lebens, das
Es, Ausdruck verschafft. Groddeck radikalisierte damit den
Ansatz von Sigmund Freud in dessen Studien über Hysterie 1895:
„Psychische Erregung, die nicht adäquat verarbeitet oder
abgeführt werden kann, ‚springt‘ in einen Körperteil, wird also
umgewandelt (Konversion)“. Das körperliche Leiden ist in dieser
Vorstellung Symbol des unbewussten Konflikts bzw. Traumas. Das
psychoanalytische Erklärungsmodell wurde (mit späteren teilweise
erheblichen Modifikationen, z. B. durch Felix Deutsch, Otto
Fenichel, Harald Schultz-Hencke, Franz Alexander, Max Schur,
Arthur Jores, Alexander Mitscherlich u. a.) bestimmend für einen
bis heute verbreiteten Zweig der psychosomatischen Medizin.
Weitere Impulse kamen aus den anderen tiefenpsychologischen
Schulen, aus philosophisch-anthropologischen Ansätzen (z. B.
Ludolf von Krehl: „Einheit der Persönlichkeit“, Viktor von
Weizsäcker: „Einführung des Subjekts in die Heilkunde“, Wolfgang
Jacob: „Kranksein und Krankheit“, Medard Boss:
„Daseinsanalyse“), aus psychobiologischen (z. B. Flanders Dunbar)
und psychophysiologischen Entwürfen (z. B. Walter Cannon:
Affekte als Auslöser vegetativer Veränderungen; Iwan Petrowitsch
Pawlow: bedingte Reflexe, Hans Selye: psychophysiologisches
Stressmodell), aus der Weiterentwicklung der Psychophysiologie
(Psychoneuroendokrinologie und Psychoneuroimmunologie) und der
Systemtheorie (z. B. Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiak:
„dynamisches bio-psycho-soziales Modell“, Herbert Weiner:
„integratives (salutogenetisches) Modell von Gesundheit,
Krankheit und Kranksein“, George L. Engel: „biopsychosoziales
Modell“).
Letztlich kann diese Vielzahl von theoretischen Konzepten
auch als ein Ausdruck der bisher nicht wirklich widerspruchsfrei
beantworteten Frage nach dem Mechanismus, in dem Psychisches und
Somatisches kausal miteinander verknüpft sind, gesehen werden.
Die neueren systemtheoretisch fundierten Modelle verzichten
daher auf die Suche nach einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten.
Damit wird auch die Vorstellung aus der Pionierzeit aufgegeben,
dass man bestimmte „psychosomatische Krankheiten“ oder
„Psychosomatosen“ von den übrigen Erkrankungen abgrenzen könne.
Forschung, Aus- und Weiterbildung
Seit ca. 1935 beschäftigt sich die psychosomatische Medizin
als eigenes Fach mit systematischer wissenschaftlicher
Forschung. 1942 wurde die American Psychosomatic Society
gegründet. In Deutschland wurde 1950 mit finanzieller
Unterstützung der Rockefeller Foundation in Heidelberg die erste
Abteilung für psychosomatische Medizin eingerichtet (unter
Leitung Alexander Mitscherlichs). 1951 gründete Johannes
Cremerius die Psychosomatischen Beratungsstellen in der
Medizinischen und der Pädiatrischen Poliklinik der
Ludwig-Maximilians Universität München. 1953 folgte die Gründung
einer Abteilung für stationäre Psychotherapie und Psychosomatik
an der Universität Leipzig. Schon in den 20er-Jahren hatte sich
dort eine psychoanalytisch arbeitende Gruppe um Therese Benedek
gebildet. Wenig bekannt ist, dass der Mitteldeutsche Leipziger
Rundfunk in seiner Pionierzeit in den 20er-Jahren die weltweit
erste populärwissenschaftliche Sendung über Psychoanalyse und
Psychosomatik ausstrahlte, die von Therese Benedek gestaltet
worden war.
1962 wurde an der Universität Gießen auf den neu
eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik Horst-Eberhard
Richter berufen. Richter baute das Psychosomatische
Universitätszentrum auf, dessen Direktor er wurde.
In der Bundesrepublik verankerte die ärztliche
Approbationsordnung von 1970 psychosomatische Medizin und
Psychotherapie erstmals als scheinpflichtige Unterrichtsfächer
in der medizinischen Lehre. Danach wurden an fast allen
medizinischen Fakultäten in der Bundesrepublik Abteilungen für
psychosomatische Medizin eingerichtet. In der DDR wurde 1978 der
„Facharzt für Psychotherapie“ geschaffen. 1992 wurde in der
Bundesrepublik neben dem Nervenarzt und dem Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie die Gebietsbezeichnung „Arzt für
Psychotherapeutische Medizin“ eingeführt. Der Deutsche Ärztetag
änderte diese Bezeichnung 2003 in „Facharzt/Fachärztin für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“. Nach der
Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer umfasst das
Gebiet „die Erkennung, psychotherapeutische Behandlung,
Prävention und Rehabilitation von Krankheiten und
Leidenszuständen, an deren Verursachung psychosoziale und
psychosomatische Faktoren einschließlich dadurch bedingter
körperlich-seelischer Wechselwirkungen maßgeblich beteiligt
sind“. Es gibt dabei weite Überschneidungen zu den
Ausbildungsvorschriften der psychologischen Psychotherapeuten
auf der einen und der Fachärzte für Psychiatrie und
Psychotherapie auf der anderen Seite. Auch in den übrigen
Facharztweiterbildungen ist „Psychosomatische Grundversorgung“
obligatorischer Bestandteil der Weiterbildung (allerdings mit
geringer Pflichtstundenzahl). Alle niedergelassenen Ärzte, die
Leistungen der psychosomatischen Grundversorgung
(psychodiagnostisches Gespräch, psychotherapeutische
Intervention, Entspannungsverfahren) für gesetzlich
krankenversicherte Patienten abrechnen wollen, müssen eine
Qualifikation nachweisen, die in einem 80-stündigen Kurs
erworben werden kann. Eine verbreitete Methode der Fortbildung
in Psychosomatik stellen die auf ein Konzept Michael Balints
zurückgehenden Balint-Gruppen dar.
Stellenwert
Der psychosomatische Ansatz trifft heute auf ein
medizinisches System, das in vielen Bereichen noch dem
Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbilds folgt und einer
Krankheit jeweils eine bestimmte Ursache zuzuordnen trachtet.
Entsprechend wird der Begriff „psychosomatisch“ sowohl von Laien
als auch von Vertretern der Medizin häufig nicht in seiner
ursprünglichen Bedeutung verstanden, sondern mit „psychogen“
gleichgesetzt. Patienten, die an körperlichen Symptomen leiden,
fühlen sich dann missverstanden und oft als „eingebildete
Kranke“ oder Simulanten stigmatisiert.
Oft dauert es lange, bis somatoforme Störungen als solche
erkannt werden. Studien zeigten, dass manche Patienten über
hundert ärztliche Kontakte hinter sich hatten, ehe sie erstmals
an einen Psychotherapeuten überwiesen wurden. Dies liegt unter
anderem daran, dass die Patienten selbst die psychische
Komponente ihrer Beschwerden nicht akzeptieren wollen und können
– auch weil die Art und Weise ihrer Beschwerden mitunter allein
auf körperliche „Fehlfunktionen“ hinzuweisen scheinen.
Vielen Ärzten fehlt allerdings auch die entsprechende
Ausbildung oder Erfahrung, richtungsweisende Signale des
Patienten richtig einzuordnen. Ein dritter Grund ist, dass im
Zweifelsfall immer eine körperliche Abklärung der Beschwerden zu
erfolgen hat.
Darüber, dass die meisten Krankheiten multikausal bedingt
sind, herrscht heute weitgehend Konsens. Über die Gewichtung
psychischer und körperlicher Faktoren bei unterschiedlichen
Krankheitsbildern gibt es jedoch immer wieder unterschiedliche
Positionen zwischen somatisch orientierten Medizinern und
Vertretern der klinischen Psychosomatik. Neue
Forschungsergebnisse führen zu Verschiebungen der Gewichtung.
Ein Beispiel ist das Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür, das
früher zu den „holy seven“ der psychosomatischen Krankheiten
zählte. Seit der Entdeckung des Erregers Helicobacter pylori in
der erkrankten Magenschleimhaut haben körperliche Faktoren ein
hohes Gewicht in der Beurteilung dieser Krankheit gefunden. Eine
einwöchige Behandlung mit Antibiotika in Kombination mit einer
zweiwöchigen Verabreichung eines Protonenpumpenhemmers führt in
mehr als 90 % zu einer Eradikation des Erregers und zu einer
Heilung. Eine besondere Bedeutung der früher als „unfehlbares
Merkmal“ des Ulcuspatienten gedeuteten „ausgeprägten
Nasolabialfalte“ kann weder für die Diagnose der Erkrankung noch
den Heilungserfolg beobachtet werden.
Kritiker der verschiedenen psychosomatischen Vorstellungen
verweisen darauf, dass diese oft gar nicht oder nur unzureichend
durch empirischen Studien abgesichert sind; dass Vertreter
dieser Modelle oder Theorien jedoch den Anschein erwecken, dass
es sich dabei um Tatsachen handeln würde.
Ein Stiefkind der psychosomatischen Medizin ist die
psychosomatische Urologie. Im Bereich der Uro-Genital-Organe mit
der gleichzeitigen Funktion als Ausscheidungs-, Fortpflanzungs-
und Lustorgan besteht ein komplexes Geflecht von möglichen
funktionellen Störungen und es gibt dort Ansatzpunkte für
psychosomatische Störungen und Schmerzsyndrome. Nur relativ
wenige Spezialisten befassen sich mit dieser Materie. In der
Verkennung der psychosomatischen Zusammenhänge ist die
Prostatitis eine der häufigsten Fehldiagnosen in der Urologie.